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Auf Wachstumskurs

Behindertenwerkstatt “Nordbahn” stark nachgefragt / Freiwillige helfen bei der Betreuung

Von Anja Hamm

Oberhavel. Das Interesse an Arbeitsplätzen in der Schönfließer Behindertenwerkstatt “Nordbahn” ist groß. 415 behinderte und psychisch kranke Menschen sind hier angestellt und die Nachfrage wächst. Die Unterstützung durch Freiwillige ist da willkommen. Doch nur eine von drei Bundesfreiwilligendienst-Stellen ist derzeit besetzt.

An einer Fertigungsstrecke sitzen ein Dutzend Männer und Frauen und stecken Zubehörteile für Autoscheinwerfer zusammen. “Anja”, rufen sie erfreut, als Anja Kästner den Raum betritt. Die 32-Jährige ist über den Bundesfreiwilligendienst (BFD) in die Nordbahn gGmbH gekommen. Sie betreut die behinderten Angestellten, macht Lockerungsübungen mit ihnen und treibt Scherze. Anja Kästner, zuvor als Kosmetikerin selbstständig, wollte nach der Geburt ihres dritten Kindes “in eine ganz andere Richtung”, erzählt sie. “Ich will den Beruf des Erziehers erlernen.” Ohne Vorkenntnisse unmöglich, hat sie gemerkt. “Der Bundesfreiwilligendienst ist eine tolle Chance.” Bei “Nordbahn” ist man von ihrem Engagement begeistert. Kästner bringe “frischen Wind und neue Impulse mit”, sagt Geschäftsführerin Nicola Pantelias.
Aus einer BFD-Stelle sind mittlerweile drei geworden. Doch nur eine ist besetzt. “Wir sind in einer Umbruchphase”, sagt Pantelias. Viele Jugendliche wüssten noch nichts vom BFD. Gerade seien zwei Bewerber abgesprungen, “weil sie mit einem 400-Euro-Job mehr verdienen”, erklärt sie die Situation. 330 Euro plus Verpflegung erhält ein Freiwilliger des Bundesprogramms, das vor einem Jahr gestartet ist.

Soziales und Wirtschaft verbindet das Engagement in der gemeinnützigen Gesellschaft, sagt Nicola Pantelias. 2011 machte “Nordbahn” einen Gesamtumsatz von 7,8 Millionen Euro, 40 Prozent davon durch die Produktion. Unternehmen, die zum Beispiel nahmhafte Hersteller aus der Automobilbranche beliefern, lassen Teile ihrer Produkte in den Schönfließer Werkstätten fertigen. Auch für Möbel werden Elemente wie etwa Scharniere hergestellt. Den größten Umsatz erzielt “Nordbahn” jedoch mit seinen Bänken, etwa eine Million Euro. 600 Euro kostet das Stück, das von Städten und Landschaftsarchitekten geordert wird. Ein eigener Vertrieb dafür wurde aufgebaut.

Begehrt sind die Werkstätten bei Auftraggebern, weil alles aus einer Hand kommt. “Der Kunde erhält eine Komplettlösung”, sagt Christian Bäthge. Die Maschine, die Arbeit und die Qualitätsmessung. Bäthge und vier weitere Kollegen bauen die Maschinen zur Fertigung selbst angepasst an die Bedürfnisse der Behinderten, die daran arbeiten. Manchmal dauert es Monate, bis sie eine Lösung für eine Apparatur gefunden haben.

Die Zahl der Mitarbeiter nimmt mit jedem Jahr um zwei Prozent zu, sagt die Geschäftsführerin. Weitere BFD-Freiwillige und Freiwillige im Sozialen Jahr könnten die Gruppenleiter sehr entlasten. Anja Kästner kann sich sogar vorstellen, weiterhin bei “Nordbahn” zu arbeiten, wenn sie ein Angebot erhält.

Die Auftragslage für die Gesellschaft ist gut, nun will Nicola Pantelias die Werkstätten erweitern. Ein Stück Land nebenan hat sie im Blick, das zu kaufen aber einige Hürden mit sich bringt. Axel Vogel, Landtagsabgeordneter der Grünen in Brandenburg, der gestern auf seiner Sommertour die Werkstätten besuchte, versprach, Hilfsangebote zu prüfen. Pantelias hat noch ein weiteres Ziel: Sie will eine Integrationsfirma gründen, in der zur Hälfte nicht behinderte und behinderte Menschen arbeiten. “Dafür gibt es wenige Beispiele in Brandenburg.”

(erschienen im Oranienburger Generalanzeiger am 02.08.2012)

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